Dann mussten wir laufen

1

Die Türen würden sich im nächsten Augenblick schließen. Du musstest rennen um es noch zu schaffen. Ich versuchte meine Augen offen zu halten bis sie begannen zu tränen. Möglicherweise gingen wir dieses Mal zu weit. Es brannte. Ich musste blinzeln. Gerade so kurz wie der Übergang zwischen den Augenblicken. Du bliebst hängen, stolpertest durch die Tür und fielst vornüber auf den Boden. Ich erschrak, du begannst zu lachen. Die Fahrgäste schauten vielleicht aus der Wäsche, sage ich dir. Die eine verzog ihre Gesichtsmuskeln zu einer großartigen Grimasse, während ein anderer sich die Hände vor das Gesicht schlug, sich rücklings auf den besetzten Platz fielen ließ und der betroffenen älteren Dame einen spitzen Aufschrei entpresste. Am schönsten jedoch war der graue Herr direkt neben dir. Sein Gesicht legte sich in Falten als wäre gerade ein riesiger Nacktmull direkt neben ihn aufs Sofa gefallen. Schnell stellte er seine Aktentasche auf den freien Platz neben sich. Du hobst deinen Kopf, richtetest dich auf und rücktest dir die Brille zurecht. Du mochtest sie nie tragen. Doch auch darin entdeckte ich Gutes. Ich fand, sie vermochte dir zu helfen den schroffen Übergang der Augenblicke weich zu zeichnen.Der Gedanke gefiel dir.

So standest du da. Mit deinen weißen Socken in den schwarzen Stiefeln, einer dunklen Hose, die von roten Hosenträgern am Rutschen gehindert wurde und dahinter einem weißen Hemd. Über allem thronte der Hut. Auf dem Mittelfinger hattest du ein kleines Kreuz tätowiert. Wenn du ihn nach oben strecktest, drehte es sich um. Fluch oder Segen. Wir fanden uns ziemlich schick. Du schautest dich mit einem Grinsen um; nur mit deinem Kopf, ohne Drehung deines Körpers. Die U-Bahn war nicht sehr gefüllt. Deine Wahl fiel ausgerechnet auf den jüngst von der ledernen Aktentasche besetzten Platz neben dem etwas zu grau geratenen Herrn mir schräg gegenüber.

»Darf ich?«,wandtest du dich fragend an ihn ohne seine Antwort zu erwarten. Du nahmst seine Tasche, stelltest sie ihm auf den Schoß, setztest dich also neben ihn und schautest ihn an.

Auch mein staunender Blick wanderte von deinem Schauspiel zu ihm. Sein grauer Anzug verschwamm mit der dunkelgrauen Schiebermütze und den weißen Haaren zu einer eintönigen Masse. Einem Schwarz-Weiß-Fernseher schien er entstiegen. Du hingegen warst die Erfindung des Farbfernsehens. Der graue Herr öffnete seine Tasche, holte ein Buch hervor, anschließend eine Zeitschrift, schaute dann in das Buch als beginne er zu lesen, und entschied sich schließlich gegen das Buch und für die Zeitschrift. Du wundertest dich über den Moment, bestauntest genau was er tat. Ich bewunderte dich und wollte wissen was du dachtest. Niemals hätte ich gefragt. Du standest auf, blicktest mir auf die Stirn und sprachst deutlich und akzentuiert nach vorn:

»Ach nein, heute nicht das Buch; dann ich lese doch lieber Zeitung.«

Eine rechte Theatralik hattest du, das mochte ich. Einmal erzähltest du mir von deiner Leidenschaft der Fotografien zerstörter Städte. Ich habe mich nie getraut weiter danach zu fragen. Ich glaubte ich dürfte das nicht. Schon in der Schule. Dem Scham der Unwissenheit, entstieg der Zweifel an meinem Verständnis der historischen Fakten. Damals wie mit dir schienen sich die Gefühle meines Gegenübers zu verstecken.Endlich setztest du dich neben mich und legtest deinen Kopf auf meinen Schoß. Ich wusste, dass du deine Augen nicht geschlossen hattest. Du warst wach, sehr wach – wie immer. Ich fragte mich wie du das machtest. Es waren dir zu viele Wimpernschläge über die der Schlafende hinweggetäuscht wurde. Was sich alles verändert hätte. Was alles so geblieben wäre ohne dich. Deine Nähe war mir unangenehm und ich hob deinen Kopf. Die Bahn stand schon. Wir mussten laufen.

2

Der Kiosk war noch geöffnet. Ich betrachtete die verschiedenen Biere im Kühlschrank. Als ich aufschaute, warst du schon wieder weg. Ich drehte mich im Kreis und entdeckte dich am Stehtisch in der Ecke. Wie schön du warst. Ich machte einen Schritt. Ich machte einen Schritt zurück. Du entdecktest in der Ecke zwei Typen die auf ihr Schachspiel starrten. Du machtest eine Kopfbewegung zu ihnen hinüber und gingst hin. Ich folgte dir. Neben dir stehend, suchte ich deine Nähe. Ich schaute zu, doch niemand spielte. Also schauten wir ihnen beim Nicht-Spielen zu. Es war bisher keine einzige Figur auf dem Brett bewegt worden. Du griffst einen der weißen Springer und setztest.

»Irgendwas muss doch mal passieren. Oder nicht?«, fragtest du in den Raum hinein. Bis ich verstand, verging die Zeit. »Ich muss los«, sagtest du, schobst mich weg ohne mich auch nur ansatzweise zu berühren.

»Nein, warte …«, begann ich um Zeit zu gewinnen. Dann stellte ich den Springer, einsam und verloren, lieber wieder an seinen Platz zurück.

Als ich mich umdrehte, warst du weg. Es war kurz nach zwölf. Ich schlich zu dem Regal mit dem Schnaps, griff den teuersten Wodka, holte den Flachmann aus meiner Hosentasche und begann ihn zu befüllen. Etwa ein Drittel passte hinein. Enttäuscht schaute ich die Flasche an und nahm noch einen Schluck. Ich drehte mich um und setzte noch einmal an. Dabei entdeckte ich in der Ecke eine Kamera. Ich nahm die Flasche langsam herunter, verschloss sie und stellte sie zwischen die Schokoladenosterhasen vor mir ins Regal. Sie klingelten. Wenn diese Nacht so enden sollte, hätte ich gleich aufgeben können. Ich reckte der Kamera meine Faust mit ausgefahrenem Mittelfinger entgegen und huschte hinaus.

3

Irgendwann konnte ich dich finden. Draußen am Taxistand. Schon von weitem entdeckte ich deinen Hut. Ich eilte dir hinterher, hatte dich bald eingeholt und passte meinen Schritt deinem Schlendern an.

»Ich will dir was zeigen«. Ich war außer Atem. Du schautest nicht auf, als hättest du mich erwartet.

»Taxi fahren?«, widersprachst du und willigtest zugleich ein.

Hätten meine Augen es nicht besser gewusst, du schienst in zwei Richtungen zu rennen. Aber ich kam dir auf die Schliche: »Yes, Taxi.«

Wir zählten unser Geld und fragten besser nicht wie weit wir damit kommen würden. Im Taxi laberte ich und ließ mich aus. Ich wollte dich in meine Richtung zerren. Dafür die ganze Welt mit meinen Worten aufblasen und sie dir stolz präsentieren. Wir standen. Die Ampel war rot.

»Siehst du eigentlich irgendwo eine Ampel oder bist du aus Langeweile vor dir selbst eingeschlafen?«, wandte ich mich an den Taxifahrer.

Du tipptest mir an die Schulter und ich drehte mich zu dir um. Ein Moment der Solidarisierung. Dein Lächeln beruhigte mich. Im nächsten Moment rissen wir gleichzeitig die Türen auf, sprangen hinaus und rannten um das Taxi herum. Wer wen fangen würde, entschied sich währenddessen. Die Ampel sprang auf Gelb. Wir wussten, wie es lief. Vormachen konnte uns niemand was. Eine Runde noch.Die Ampel sprang auf Grün. Dann sprangen wir wieder hinein. Meine Augen tränten, mein Körper bebte.Du klatschtest in die Hände und ich lachte ohne aufhören zu können. Du beugtest dich nach vorn.

»Ey, Herr Chauffeur, geht‘s eigentlich mal weiter?«

Der Fahrer blickte in den Rückspiegel, sprang hinaus und ich zuckte zusammen als er meine Tür aufriss. Mit aller Kraft stießest du deine Faust unter das Dach. Er ließ ab. Du zogst mich an dich und wir krochen durch die andere Tür hinaus.

»Ihr dreckiges Pack, ihr …«. Sollte er brüllen, wir konnten laufen.

Erst als sich in sicherer Entfernung wieder die Ruhe der Nacht um uns legte, ließest du dich auf dem Gehweg nieder.

»Was für ein Arsch«, erzürnte ich mich und trat gegen einen kleinen Stein. Ich ging umher, umkreiste dich, dann packtest du mich am Hosenbein.

»Wo wolltest du denn eigentlich mit mir hin?«, versuchtest du mich zu beruhigen.

»Ach, vergiss es, das verstehst du eh nicht«, erwiderte ich. Eine blöde Idee. Der Ballon zerplatzte. »Nur weil du …«, fuhr ich fort.

Du schautest herauf und zogst mich an meinem Hosenbein hinab. »Nur weil ich, was …?«

Ich setzte mich, wir schwiegen eine Weile. »Es tut mir leid!«

Ich schaute dich an und entdeckte eine Kippe zwischen deinem Ohr und dem Hut. Du freutest dich, als hättest du sie schon lange vermisst.

»Schau mal da drüben«, munterte ich dich weiter auf.

»Beschissenes Museum.«

»Ja«, bestätigte ich, »aber ich weiß wie wir da rein kommen.«

4

Das Bild zeigte einen ganzen Straßenzug zerstörter Häuser. Ich fand es immer noch verstörend. Gebaute Kultur einfach von Bomben zerfetzt. Ich betrachtete weiter. ›Möglicherweise dauert es‹, dachte ich. Womöglich hatte sie auch nichts mit der Vergangenheit zu tun, deine Faszination.

»Was magst du an dem Bild?«, fragte ich schließlich in die Stille hinein.

»Ich meine …«, suchtest du nach Worten. »Die Verwirrung, die eine andere Person stiften kann, weißt du? Man kommt sich total affig vor. Falsch, klein, nicht angenommen. Und dann, stell dir vor, sagt die andere Person, wie toll man ist. Mitten in diese Zerstörung hinein.«

Ich habe noch lange über deine Erklärung nachgedacht. Irgendwann dachte ich, dass du ein sehr großes Vertrauen in dir tragen musstest. Du schautest mich an und lächeltest. So standen wir da. Ich holte den Schnaps aus der Innentasche meiner Jacke, nahm einen Schluck und reichte dir den Flachmann. Durch die Fenster drang ein flackerndes Blaulicht, welches sich im Rahmen des Bildes spiegelte.

»Verdammt. Wir müssen laufen, ey, komm schon, wir müssen weg!«

»Eigentlich«, begann ich, »eigentlich habe ich keine Lust mehr zu laufen!«

Konnten wir nicht dort bleiben? Aber die Bullen. Also los. Wir stürmten um die Ecke und ich prallte ungebremst in den Wärter. Ich fiel um und du sahst ihm erschrocken ins Gesicht.

»Du schon wieder …«, stöhnte er. Du halfst mir auf und wir liefen weiter während er uns hinterher rief: »Jungs, ihr seid echt bescheuert!«

Weiter. Hinten hinaus. Die Bullen waren auch dort. Anhalten sollten wir. Stehen bleiben. Wir blieben stehen. Die Hände heben sollten wir. Meine Augen versuchten irgendeinen Weg zu finden.

»Hier!«, zischtest du.

»Was?«, flüsterte ich und sah, wie du mir die metallene Flasche entgegen hieltst. Ich begriff nicht. Dann der Schuss.