Jack

Die kleine Kneipe in der ich seit zweiundachtzig Jahren, wenn ich nicht gerade auf See war, meine Abende verbrachte, lag nicht weit entfernt vom Hafen. Irgendwo zwischen Schicht und Einsamkeit, wie Heinz sagte. Seinen Vater habe ich noch gekannt. Heinz hatte ihn oft Nachts abholen und nach Hause bringen müssen. Irgendwann hat er den Laden dann übernommen. Seitdem schloss Heinz jeden Nachmittag die Tür auf, schob den Keil hinunter und klimperte pfeifend mit seinem Schlüsselbund bis er den Vierkantschlüssel gefunden hatte. Er öffnete die Jukebox, überlistete mit einem gekonnten Griff den Zahlmechanismus, drückte die 121 – irgendein Lied von Bob Dylan, ich hatte mich noch nie für Musik interessiert – und leerte das Geldfach. Meist war ich bereits wach. Nun, eigentlich war ich immer wach. Ab und an schlief ich aus Langeweile oder Gewohnheit. Oder weil ich vergaß, dass ich seit Jahren keinen Schlaf mehr benötigte.

Piet saß mal wieder neben mir an der Theke. Immer war er am erzählen. Ich fragte mich, ob er das auch tat, wenn er alleine war. Ob das Licht im Kühlschrank auch brannte, wenn dir Tür zur Außenwelt längst verschlossen war.
»War das eine Reise«, begann Piet. »Westindien, meine größte Zeit und dann doch mein letztes Schiff. Die da oben finden immer einen Grund!«
»Ach Piet, das ist doch alter Lack«, beschwichtigte Heinz, »du hast doch einen Job, ist doch alles gut so!«
»Irgendwann fand es ich ja auch noch in Ordnung – Matrose auf der Wilhelmine!«, sagte Piet.
»Wilhelmine, hör mal, das ist doch super, das hört sich doch groß an!«, befand Heinz schulmeisterlich. Piet richtete sich trotzig auf, kräuselte die Stirn und antwortete so, als hätte Heinz noch nie etwas verstanden: »Das war ein verrosteter Schlepper, mein Lieber! Du musst mir auch mal richtig zuhören!«
»Alles klar Piet, weiß ich doch.« Heinz zwinkerte ihm zu und machte sich wieder daran die Kaffeemaschine zu säubern.

»Der alte Dösbaddel«, wandte sich Piet ab. »Wo war ich stehen geblieben?«
Piet drehte sich zu mir. Ich erschauderte. Bisweilen ergaben sich Situationen in denen ich mich fragte ob ich wirklich angeschaut würde. Manchmal veränderte ich kleine Dinge oder gab Zeichen, aber immer nur Kleinigkeiten. Ich wollte da nicht mehr eingreifen, das war vorbei; doch hielt ich es nicht aus wenn es nicht funktionierte – das Leben. Während Piet dem Heinz zuschaute, legte ich vorsichtig einen Bierdeckel oben auf sein Bierglas. Als er das Bier in die Hand nahm und es registrierte, musste er lachen.
»Ach ja, ha! Jacki!« Piet hatte angebissen und kam zu meiner Lieblingsgeschichte. »Weißt du noch? Jack hat immer, wenn er gerade nicht getrunken hat, sein Bier abgedeckt. Nicht damit niemand daraus trinkt oder rein pinkelt oder so, nein, er hatte einfach nur Angst, dass es verdunstet!«
Ich kannte seine Geschichten. Selten kam mal eine Neue dazu. Aber interessanterweise bekamen sie immer mal wieder kleine Abänderungen – Modifikationen, wie Piet dafür eines seiner Lieblingswörter verwendet hätte.
»Also, Jack jedenfalls, dieser irre Typ; sein ganzes Leben war er auf See. Seine Frau zu Hause, geduldig wartend. Irgendwann …«, kurz unterbrach Piet seine Erzählung als Heinz ihm sein neues Bier reichte.
»Prost Heinz«, sagte er und nahm das neue Bier mit der einen Hand entgegen, während er sein altes mit der anderen in einem Zug leer trank. Das sah bei Piet wie ein Kunststück aus. Ich klatschte, hielt inne, doch niemand reagierte.
»Ist aber das Letzte«, fügte Heinz hinzu, »morgen bringst du mal wieder ein paar Kröten mit, sonst sitzt du hier auf dem Trockenen!« Piet blickte ihn ohne abzusetzen über sein Glas mit großen Augen an. »Und mach mal den Deckel da drunter, sonst plemperst du mir hier doch die ganze Theke voll!«
»Also jedenfalls …«, wandte sich Piet wieder an mich und ignorierte Heinz‘ Zurechtweisung.
»Alles klar?«, hakte Heinz nach.
»Ja Mensch, ja, ja, alles klar, geht klar. Man, versenk‘ mich doch!«, echauffierte sich Piet lautstark.
»Ist ja gut! Aber sag mal, mit wem redest du da eigentlich die ganze Zeit?«
»Was? Mit dir Heinz. Aber wenn du die ganze Zeit umher rennst, muss ich zwischendurch ja auch weiter denken!«
Die nächsten Gäste, unbekannte Touristen, hatten die Kneipe betreten und es sich bequem gemacht. Heinz beobachtete sie schon ungeduldig und ging zu ihnen.
»Ja, eben!«, sagte Piet bestätigend, »mach mal deine Mätzchen hier mit deinen Gästen!«

»Also, irgendwann hatte seine Olle keine Lust mehr zu warten«, erinnerte sich Piet wieder an Jack. »Sehnsucht, Angst, Verzicht – und sie konnte ja auch ahnen was man auf See, also wenn man zwischendurch mal nicht auf See war, so trieb. Man hat ja vieles entbehrt, aber anbrennen lassen haben wir nichts. Das machte sie sehr darüber nachdenken. Als er dann endlich mal wieder heimkam, lag die Hilde schon im Sterben. Das machte ihn richtig fertig, den Jack! Das machte ihn richtig weinen!«
Piets Augen wurden gläsern.
»Wer konnte ahnen, dass seine vom Wind und Salz ausgetrockneten Augen das noch konnten. Aber da saß er eines Abends – lass mich mal überlegen, ja, genau da wo du jetzt sitzt. Und ich, ich saß genau hier.« Heinz unterbrach ihn: »Du hast noch nie woanders gesessen, seit Jahren nicht«.
»Ja, und? Du hast auch noch nie woanders gestanden als da hinter der Theke!«
»Ich arbeite hier und rede nicht so viel Quatsch!«
»Das ist kein Quatsch. Das ist richtig melodramatisch, du solltest den Leuten mal zuhören, dann wüsstest du, was im Leben so passiert!«
Heinz lachte.
»Du lachst, aber weißt du … «, begann Piet.
Heinz öffnete die Luke zum Keller hinter der Theke und verschwand.
»Jetzt geht der schon wieder weg, ich glaube ich spinne!«. Piet erhob sich, so dass er mit den Füßen auf der Fußabstütze des Hockers stand, blickte über die Theke und rief Heinz hinterher: »Andere haben nämlich nicht so viel zu lachen über das Leben, und weißt du was? Sie freuen sich trotzdem!«

»Also, Jack sitzt mir hier gegenüber und fängt an zu heulen wie ein Schlosshund‹‹, fuhr Piet fort als er sich wieder beruhigt hatte, hielt kurz inne, nahm Arme und Hände zur Hilfe und eiferte Jack nach: »›Scheiße, das ist doch alles Moppelkotze; was soll ich denn machen, wenn die Hilde nicht mehr da ist? Dann will ich auch nicht mehr leben!‹«
Er nahm einen großen Schluck Bier, etwas hastig, als bräuchte er neuen Mut um zum Fortfahren in der Lage zu sein:
»Hilde wollte nicht mehr, Jack auch nicht. Ja, so ist das! Kann ich schon verstehen, jetzt, so im Nachhinein. Aber ausgerechnet Jack. Mit dem hab ich doch immer so gerne hier gesessen …«
Ich bemerkte, dass er die Geschichte heute ungern weiter erzählen mochte; es schien ihn traurig zu machen. Während er auf sein Bierglas starrte, wollte ich ihn auf andere Gedanken bringen. Ich nahm den Korn hinter der Theke hervor, befüllte das leere Schnapsglas vom Piet und schob es etwas nach vorn. Piet blickte auf:
»Danke Heinzi, danke!« Plötzlich bekam Piet ein Leuchten in den Augen. »Und weißt du was wir dann immer gesagt haben? Heinz?« Jack erhob sich und blickte hinter die Theke: »Wo bist du denn schon wieder ab so schnell? Achso, der Keller. Jedenfalls …«, Piet ließ das Schnapsglas in das Bier fallen, »Schiffbruch!«. Der Schaum schwappte über und lief am Glas entlang auf die Theke.

»Und dann Indien. Ein paar von den Streifenträgern hatten einen über den Durst getrunken und am Morgen faucht mich der Käpt‘n an. Die Scherben sollte ich weg fegen. Nicht im Traum fiel mir das ein!«
Heinz kam wieder aus dem Keller hervor, knallte zwei Bierkisten auf den Boden und schloss die Kellerluke.
»Warum findest das denn eigentlich so scheiße im Hafen?«, erkundigte er sich noch außer Atem während er die Kisten unter die Theke schob.
»Warum ich das so scheiße finde? Weil ich bald nichts mehr zum scheiße finden habe, du Experte. Wenn die da erst mal mit ihrer Zukunft kommen, dann funktioniert das doch alles automatisch. Wie in dieser Doku …«.
»Ja, ist ja gut Piet«, fuhr Heinz dazwischen, »musst ja nicht gleich so herumbrüllen hier!«
»Ach, du hast doch keine Ahnung du alter Stänkerer!«

»Die Westindienreise. Feste Bräute mit Pfeffer im Hintern!« Piet überlegte.
»Vielleicht war es auch irgendein Atlantiknest in Costa Rica, weiß der Geier. Aber das bisschen Tripper hattest du dann halt. Das war‘s. Diese eine Reise noch und nie wieder. Ich konnte froh sein, dass der Käpt‘n mich nicht gleich dort gelassen hat. Als ich dann wieder hier im Hafen an Land ging, dachte ich noch: ›Na und, Schiffe gibt’s wie Sand am Meer, ich kann überall unterkommen.‹ Ja, von wegen! Diese Arschgeigen!«
Piet setzte das Bierglas wieder an, und während Heinz die Gelegenheit nutzte in der Pfütze vor Piet auf dem Tresen einen Bierdeckel zu platzieren, leerte er das Glas bis zum letzten Schluck und knallte es knapp neben den Bierdeckel auf die Theke. Ich fuhr zusammen.
»Da war ich also wieder hier, ha!«, verkündete er freudig, als hätte er den amerikanischen Kontinent höchstselbst entdeckt. Er musste aufstoßen. Vielleicht war es das Leben, vielleicht der Alkohol. Gedankenverloren schaute er an seinem Bier vorbei auf die Theke.
»Aber dann das mit Jack, der war nicht mehr der Alte!«
Vorsichtig legte ich ihm meine Hand auf seine weiche Schulter.
»Naja, Manchmal ist halt der Wurm drin und man kriegt ihn nicht mehr raus!«
Heinz nahm das leere Bierglas und Piets Blick folgte ihm erwartungsvoll bis es auf die Waschbürste gestülpt wurde.

»Sag mal Heinz, hast du eigentlich jemals Jack kennen gelernt?«, fragte Piet.
»Ich kenne keinen Jack!«
»Ach, hör doch auf«, erregte sich Piet, »wir saßen hier doch immer: Ich hier und Jack da!«
Ich erstarrte, Heinz überlegte, die Jukebox verstummte.
»Ach so, den meinst du, ja klar«, sagte Heinz mit allwissender Mine. Piet schien zufrieden.
»So Heinzi, ich geh dann mal, was soll ich hier noch ohne Knete im Koffer. Und zwischendurch musst du auch mal an die ganzen Leute von damals denken. Auch mal einen für die mit trinken. Hörst du, Heinzi? Da freuen die sich!«
»Ja Piet, klar! Mach ich! Dann pass‘ mal auf dich auf!«
»Selber, du alter Halsabschneider!«