Ed ist dead

»Ich erinnere das Gefühl meiner nackten Füße auf den blauen Fliesen. Niemals schien dort unten die Sonne. Durch die eisernen Gitterstäbe betrachtete ich das dreckige Geschirr. Der Berg war hoch, so dass ich von dort unten seine Spitze, die über den Rand der Spüle hinaus ragte, betrachten konnte. Der Käfig war nicht allzu klein, durchaus konnte ich mich bewegen. Ein hinfälliger Einwand, auch ein Gefangener in seinem Kittchen kann sich strecken, ein paar Meter ablaufen, hüpfen gar. Den Platz unter der Eckbank hatte ich damals selbst gewählt. Ein Hamsterrad stand hinten in der Ecke; ich hatte es seinerzeit von meinem Taschengeld erworben. Wollte ich mich beschäftigen, begab ich mich hinein und lief bis meine Füße schmerzten. So wurde einem warm, doch fühlte ich mich an diesem Nachmittag zu schwach. Vielleicht könnte ich die Decke oben auf der Bank erreichen, sie hinein zerren und meine Füße darin einwickeln. Ich richtete mich soweit es ging auf, zog meine Hose herunter und ging in in die Hocke. Und dafür bezahlte ich Miete, obwohl ich schon die kompletten Wohnkosten von meinem schmalen Gehalt beglich. Ich nahm mein Schreibbuch von der Pritsche, riss eine Seite heraus und brachte sie unter meinem Hintern in Position.

Ed, mein Goldhamster, saß im Wohnzimmer und schaute Fernsehen. Ich kann schwerlich erklären wie alles begann. Erinnern kann ich mich nicht an einen Morgen an dem ich plötzlich in diesem Käfig erwachte. Es zog sich über Jahre, schleichend, ohne dass ich bemerkte wie sich die Dinge veränderten. Irgendwann erwachte ich dann eben doch unter der Eckbank in meiner Küche. Nichts mehr mit Teenage Riot, forget it. Das Leuchten der Glotze flackerte durch den Spalt unter der Tür, die sich direkt neben der Bank befinden musste. Womöglich hatte er die Tür zum Wohnzimmer lediglich angelehnt. Ich konnte den Durchgang nicht sehen, aber ich kannte meine Küche; so dachte ich. Der Ton des Fernsehgerätes war laut, die Stimmen drangen gut verständlich bis zu mir durch: ›Und das wollen wir eben Willi entscheiden lassen, denn wer hat denn Schuld an diesem ganzen Desaster hier?‹ Gelächter. Was er wieder für einen Unsinn schaute; und das in dieser Lautstärke. Solch riesige Ohren, aber nichts hören, dachte ich. Ed war insgesamt schräg und zu groß geraten. Als Hamster besaß er die Ohren eines Hasen; immerzu schleiften sie über den Boden. Die Nase war schief gewachsen und ausgetrocknet. Jeden Tag beschmierte ich sie mit Vaseline. Doch war es ein Geschenk von den Alten, ich kümmerte mich. Ich hatte darüber nachgedacht ob ich ihn als Attraktion auf dem Rummel ausstellen sollte. Doch ein übergroßer Hamster, so überlegte ich, würde die Menschen nur abschrecken. Und die Menschen würden lachen. Ich wusste nicht was tun. So musste er kommen, dieser Tag. Ich kannte den Ort an dem sich die Messer befanden, ich hatte sie selbst dort einsortiert. Ein solches Blutbad hatte ich mir trotzdem nicht ausgemalt.

Ed bekam seinen Namen von meinem Bruder, dem lässigsten Typen der Schule. Er hatte die schärfste Lederjacke, Haare wie Jimmy Page, schnieke Schuhe und einen Blick der den härtesten Pauker und die coolste Schnecke in die Flucht trieb. Also nannten wir ihn Ed, weil mein Bruder den Namen cool fand. Das mit dem angesengten Schwanz war ebenfalls mein Bruder, beziehungsweise seine Kumpel. Diese Gernegroßen hatten ihm eines Tages einen Böller daran gebunden und entzündet. Sie sprangen auf mein Bett, rissen mich mit und hielten mich am Arm. Alle lachten und ich unterdrückte meine Tränen, während der Geruch der schmorenden Haare in meine Nase stieg und mir schlecht wurde. Irgendwie schaffte ich es mich loszureißen und Ed einen Eimer Wasser überzuschütten. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker, habe ich ihn versucht zu beruhigen; wie mein Vater mich versucht hatte zu beruhigen, nachdem ich das erste Mal auf dem Fahrrad saß, herunterfiel und mir den Arm brach. ›Es ist nämlich so, dieses Tier sieht ja so lieb und klein aus; diese niedlichen kleinen Hamster!‹, erkannte der Moderator dieser unsäglichen Fernsehshow. Das Publikum lachte, mir lief es kalt den Rücken herunter. Ich musste mich bewegen, auch wenn meine Füße brannten. Dem Schreibbuch in meiner Hand entriss ich ein weiteres Blatt, wischte mir den Hintern ab und begab mich in das Laufrad. Strebe für Strebe zählte ich, musste mich tierisch konzentrieren und verhakte mich dann doch. Hinauf und umher wurde ich gerissen, drehte mich weiter bis der Schwung nachließ und fiel zur Seite hinaus.

Mit dem Rücken lag ich auf den Fliesen und streckte alle Glieder von mir. Sonnenlicht erregte meine Aufmerksamkeit. Das Fenster war mit dickem Stoff verhangen, nur ein kleiner Spalt noch frei. Ed ging niemals hinaus. Die Wohnung war seine Welt, sein Horizont der Fenstersims und sein Untertan war ich. Was für ein erbärmliches Leben. Unwillkürlich blitzten Bilder und Ideen durch meinen Kopf wie es dort aussehen würde; dort draußen, jetzt im Frühling. Es war alles noch ungelenk und es knirschte regelrecht zwischen meinen Synapsen. Das Geräusch verwandelte sich in dasjenige beim Zertreten eines trockenen Blattes, oder in das hektische Flattern einer kleinen Ohrenlerche; dann hörte ich das Meer am steinernen Ufer branden. Ich schlug mit beiden Händen rechts und links von mir auf die Fliesen. Langsam erhob ich mich. Ich begann umherzugehen und maß meine Zelle mit kleinen Schritten. Die Rädchen in meinem Kopf knackten, rieben aneinander und orchestrierten die Kopulation einer zarten Melodie mit einem stampfenden Marsch. Meine Beine folgten dem Rhythmus mit wachsender Euphorie und im Maschinenraum zwischen meinen Ohren verbanden sich die Ideen mit einem Ziel: Leben! Ich hätte das Rad erfunden, die Dampfmaschine und das Uhrwerk gleich mit. Präzise koordinierte ich meine Schritte. Es folgten römische Torsionsgeschütze, Katapulte bestückt mit Tonnen voller siedendem Pech und ich stach mit portugiesischen Galeonen in See. Das Blau des Himmels wurde nur vereinzelt von weißen Schleiern durchsetzt. Ich blies sie mit aller Kraft bis nach Helgoland, begann Feuer zu speien um meine Fesseln zu verbrennen und verstreute die Asche in allen Meeren dieser Welt; auf dass sich die Menschheit erinnern möge, auf Eiszeiten hinaus in den Sedimenten mein Vermächtnis fände. Mit beiden Händen umfasste ich die eisernen Stangen, rüttelte an ihnen, stemmte mich dagegen bis sie begannen sich aus ihrer Verankerung zu lösen.

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür. Ich betrachtete ihn in meinem Augenwinkel, wie er mit erbärmlich kleinen und hilflos schnellen Schritten entlang des Käfigs lief. Ich musterte ihn mit meinem Blick. Er näherte sich. Dann, blitzschnell, griff ich zwischen zwei Eisenstangen hindurch. Ich spürte meine Sehnen an meinem Hals, die Muskeln meines Oberarms eingeklemmt zwischen den Stangen. Ich griff zu und fühlte seinen Herzschlag, der versuchte gegen den Druck meiner Hand anzukämpfen. Sein Körper war klein, sein Puls stark und rasend, sein Fell weich und warm. Ich drückte fester zu. Meine Knie wurden weich und ich glitt entlang der Stangen zu Boden. Mit den Füßen trat ich die Pritsche um, mein Kopf schlug gegen eine Stange, mein Ellbogen auf den harten Untergrund. Ich brüllte an gegen meinen summenden Musikantenknochen und zwei Stangen brachen gleichzeitig unter der Wucht meiner Tritte. Sie fielen durcheinander und wie beim Mikado, doch laut und träge, rollten sie durch die Küche. Eine der Stangen stand noch auf ihrem Ende, drehte sich weiter, wurde langsamer, fiel mit einem letzten Krach um, warf eine weitere bereits auf dem Boden liegende auf, um sich dann gemeinsam niederzulegen und in einem zügig verstummenden Surren zu enden. Stille.

Ich schaute auf die Ohren, den Kopf und eine Tatze die regungslos oben aus meiner Faust heraus hingen. Ed war warm, aber regungslos; kein Ohr, kein Beinchen, keine Tatze, nicht der Schwanz, kein Herz bewegte sich. Meine Hand war feucht. Mir gelang es nicht den Griff zu lösen. Auch nicht meiner anderen Hand, mit der ich versuchte die Finger der Faust auseinander zu ziehen. Mit einem Finger stocherte ich zwischen denen der steifen Hand herum, versuchte einen nach dem anderen aus der Faust zu lösen. Nichts; es blieb nichts als eine Faust. Ich schlug darauf, bohrte meine Fingernägel zwischen die Knöchel, schlug mit der Handkante auf meinen Unterarm und den Arm selbst auf den Boden. Ich nahm eine der herausgelösten Eisenstangen, holte aus und schlug mit voller Kraft auf eine Weitere; das Scheppern hatte keinen Effekt. Ich stand auf, schüttelte den entsprechenden Arm, schwang ihn wie ein Schwimmer beim Aufwärmen; nichts. Ich riss die Schublade mit den Messern heraus, sie stoppte abrupt und das ganze Küchenbesteck sprang gegeneinander, teils hinaus, das Wetzeisen auf meinen nackten Fuß. Wie ein Drogensüchtiger, dem sein Stoff beim Zubereiten aus den zittrigen Händen gefallen war, stürzte ich mich zu Boden. Ich wählte das kleine, spitze und scharfe Gemüsemesser, umfasste es mit dem festem Griff meiner rechten Hand. Hand mit Hamster legte ich auf ein hölzernes Schneidebrett, schwang das Messer durch die Luft und schloss meine Augen.

Ich blickte auf das blutüberströmte Holz. Das Messer steckte in der sich öffnenden Faust, zwischen Daumen und Zeigefinger. Es deutete auf eine klaffende Wunde und fixierte den Kopf vom Ed auf dem Brett. Ich löste meine Hand von Hamster sowie Messer und ließ mich langsam zurück gegen die Schrankwand fallen. Die Tür neben der Bank. Es gab dort keine Tür. Erregt blickte ich umher. Es gab im ganzen Raum keine Tür. Wieder schaute ich zu der vermeintlichen Tür: eine Wand. Unten war eine kleine Klappe, eine Art Katzenklappe; eine Hamsterklappe. Ich rannte zum Fenster und riss den Vorhang zur Seite. Das Fenster war nicht, wie sonst in den oberen Stockwerken, verriegelt. Ich ging zurück zum Tatort, nahm Ed, schob ihn durch die Klappe in der Wand und verschwand aus dem Fenster. Nun ja, und irgendwann landete ich also hier. Ist das Leben nicht verrückt, Herr, wie war noch ihr Name?«