Über diese Insel

Ein dicker schwarzer Balken umrandete die Traueranzeige an der Hauswand. Unten stand der Name. Vincenzo Leonetti.

Noch zwei Tage blieben mir bis zur Rückreise. Ich ließ mich treiben. Durch die Gassen, schmal und verwinkelt, vorbei an dem kleinen Brunnen bis ich am Marktplatz wieder auf die Hauptstraße stieß. Das letzte Interview hatte ich Tags zuvor geführt. Seit Beginn meiner Recherche gab es diese Idee in meinem Kopf. Luise hielt nichts davon, von diesen ›literarischen Anwandlungen‹, wie sie sagte. Das würde dem Anspruch meiner Reportage nicht gerecht werden. Ohnehin, Capote sei Tod und ich sollte an die Möglichkeit denken, die mir der Verlag gäbe.

Die Anzeige war größer als die anderen. Sie fiel auf, denn das Foto war in Farbe. Ganz im Gegensatz zu den übrigen Anzeigen. Diese waren teilweise abgerissen oder von der Sonne verblichen. Der Mann war über achtzig Jahre alt, geboren 1932. Sein Blick schien noch immer über den Marktplatz zu schweifen. Während meiner Recherchearbeit bekamen die Toten gelegentlich Lachfalten oder tiefe, sonnengegerbte Furchen auf der Stirn. Ihre trockenen Lippen bewegten sich im Rhythmus ihrer Erzählungen. Ich betrachtete sein Gesicht. Der Bart begann zu wachsen. Ich erschrak, machte einen Schritt zurück und stolperte über meine Tasche.

»Attenzione!«
Ich fand mein Gleichgewicht, bemerkte den alten Mann – ob er die ganze Zeit auf der Bank gesessen hatte, fragte ich mich. Ich spürte mein Herz, wie bei meinem ersten Sprung vom Zehnmeterbrett. Ich sah das leere Becken unter mir, erwachte erleichtert, dass es ein Traum war und befand mich verwirrt in einem fremden Raum. Sekunden später kam mir alles bekannt vor. Der Mann grinste, ich atmete aus.
»Sogni ad occhi aperti!«, entschuldigte ich meine Tagträumerei.
»Sì, sì«, zischte es aus seinem langen Rauschebart. Aufrecht saß er auf einer Bank vor dem Haus, beugte sich vor und fügte hinzu: »Dreaming the day, keep the doctor away«. Sein Englisch war gebrochen. Ich lachte. Jetzt fielen mir seine Augen auf; sie waren es, sie lächelten ohne Ende. In ihnen lag die Gewissheit alle Meere dieser Welt gesehen zu haben.

Der Mann zeigte neben sich auf die Bank. Von dort ergab sich ein freier Blick über Straße und den Platz hinweg, zwischen Kirche und Apotheke hindurch, bis hinauf zum Mongibello, dem Etna. Das musste der einzige Platz am Markt mit einem freien Blick hinauf zu diesem riesigen, stolzen Berg sein.
»Sie haben hier alles im Blick«, sagte ich.
Er schaute einer jungen Frau im Kleid hinterher. Sie stieg die Treppe zu dem von uns aus erhöhten Marktplatz auf der anderen Straßenseite hinauf. Ich betrachtete den Vulkan.
»Viele Glauben an den Etna«, sprach er. »Mein Vater hatte ein Fernglas auf seinem Balkon. Jeden Morgen schaute er hinauf und wartete auf Antworten. Wenn ich ihn fragte, sagte er: ›heute wird es nicht regnen!‹«
»Und wenn sich doch Regen ankündigte?«
»Dann fragte ich lieber nicht!«
Eine kleine Gruppe Kinder kam aus der Gasse neben uns gerannt. Wie aufgeregte Schwalben flatterten sie unzählbar um uns herum. Einer der Jungen kauerte sich neben mich unter die Bank. Ein Mädchen blieb stehen, schaute sich um und mich an. Ich behielt das Geheimnis des Jungen, bis sie verschwand.
»Schauen sie sich die Dinge an«, begann der Mann. »Eine Kirche aus dem 16. Jahrhundert, eine schöne Frau, so jung, der alte Brunnen. Der Berg, so groß, mal von Schnee bedeckt, dann in Wolken gehüllt und ab und zu rauchend wie ein Alter der an seiner Pfeife zieht. Il Signore Grigio, so nannte ihn mein Vater.«
»Der graue Herr«, wiederholte ich.

Mit der Zeit die ich auf dieser Insel verbrachte, breitete sich Ernüchterung aus. Was für ein naiver Gedanke mich mit der Mafia auseinanderzusetzen. Wie schwer war es über Leonardo Sciascia, überhaupt über Marlon Brando hinaus zu kommen. Sich nicht ablenken zu lassen von der Erdrosselung eines Minderjährigen, den sie anschließend in Säure auflösten. Ich gewöhnte mich daran, dass hier alle ein Spiel mit mir spielten. Dem jungen Deutschen, der zu viele Filme geschaut hatte. Meine Arbeit wurde zu einer Reise. Ich verliebte mich, ging nicht ans Telefon wenn Luise anrief und meldete mich erst Tage später zurück. Im Rausch dieses Sommers fand ich mich mit der Sinnlosigkeit meines Unterfangens ab. Ich machte weiter. Die Erhabenheit der fleißigen Ameise führte mich quer über diese Insel, wieder zurück, einmal drumherum, bis in dieses kleine Dorf in den Bergen. Weit weg von meiner Königin, meiner Lektorin Luise. Sollte sie es mir gleich tun: hart Arbeiten und die Klappe halten. Dann bekommt sie ihre Story.

Auf dem Platz vor der Kirche versammelten sich zunehmend mehr Menschen. Wir betrachteten das Treiben.
»Beschäftigen Sie sich nicht so viel mit dem Morden!«, begann der Mann.
»Denken Sie nicht, dass die Toten unsere Aufmerksamkeit verdienen?«
»Nein. Ich habe zu tun, die da oben sitzen herum und trinken Kaffee!«
»Warum wählte diese Verbrecherorganisation für das Aufnahmeritual dann den Tod?«
»Sollen sie Kaffe trinken, hier unten haben wir alles andere!«
»Ein hoher Preis und das in einer Währung die kein zivilisierter Mensch besitzen will!«
»Sie sprechen in Rätseln. Haben Sie schon einmal einen Freund verloren?« Ich schaute ihn an, schielte auf die Anzeige über mir. »Nein, nein«, widersprach er. »Das ist er nicht, das ist ein alter Mann, wie ich. Alte Menschen sterben!«
»Wann war das?«
»Er war Anfang zwanzig und ging von Palermo nach Mailand, obwohl er den Norden nicht mochte. Gutes Geld, ein besseres und sichereres Leben – welche Ironie. So war das, sie waren überall.«
»Das tut mir leid!«
»Ich glaube an die großartigen Errungenschaften der Menschen und verachte ihre Dummheit, damit kann ich leben. Die Ärzte haben den Typhus in den Griff bekommen, es geht immer weiter.«
Ich dachte an den Fall des durchlöcherten Capo. Er überlebte einen Anschlag mit Kugeln am linken Auge, am Hals, in der Brust, am Rücken und an der Leiste. Und dann fanden die Ärzte bei der Operation zufällig noch eine in seinem Kopf von einem alten Anschlag; il bastardo, wie konnte ausgerechnet der überleben.

»Wann waren Sie zuletzt auf dem Festland?«, wollte ich wissen.
»Was soll ich da? Die würden mir hinterherlaufen und mir den Bart aus dem Gesicht rasieren!«
»Rom, Venedig, Mailand.«
»Diese Barbaren!«
»Sie haben recht, Sizilien ist groß. Eine schöne Insel.«
»Sie ist vollkommen. Ich bin kurz davor ihren Rhythmus zu verstehen. Nur die Küste«, seine Miene wurde ernst, »die Küste bereitet mir Kopfzerbrechen!«
»Die Flüchtlinge?«
»Nein, sind Sie Politiker?«
»Ich bitte Sie!«
»Zu ihren besten Zeiten haben ihre Schergen hier tausend kiloweise Heroin aus Ägypten in Empfang genommen, um es an ihre Sklaven zu verfüttern.«
»Heute ertrinken Menschen!«
»Und wenn nicht, ergeht es ihnen nicht besser als den Süchtigen von damals. Ich weiß nicht, wo das Problem in Europa liegt eine Lösung zu finden.«
Er strich sich durch den Bart und überlegte.
»Schauen Sie, il giglio di mare, all die anderen Blüten, ihre Farben; alles hat einen bestimmten Anschein – auch diese Insel. Doch die Küste, sie hat keine bestimmte Länge; es ist unmöglich sie zu vermessen.«
»Das bezweifle ich!«
»Sie sind aus der Stadt!«
»Es sind sicher schon ganze Bücher darüber geschrieben worden.«
»Sicher, doch ihre Länge ist nicht endgültig bestimmbar. All die Buchten, Senkungen, Felsen und Sandstrände. Die Wissenschaftler fänden eine Lösung, eine Näherung dieses Umfangs. In komplizierten Berechnungen erzählten sie den anderen Wissenschaftlern davon.«
»Dann hören Sie ihnen zu!«
»Davon verstehe ich nichts. Für mich bleibt sie unendlich groß. Aber die Form ist da; sie ist gegeben, zweifellos. Die Berechnung einer Olive zeigt mir nicht, wie sie schmeckt.«
»Die Form einer Olive auch nicht.«
»Sie sind nicht dumm, aber ohne Stadt wären sie schlau! Nennen sie mir einen Wert!«
»Zehntausend!«
»Eben, warum lange überlegen? Sie werden immer wieder an den Punkt kommen, an dem sie es benennen müssen. Sie brauchen eine Form, eine Entscheidung. Form bedeutet Selbstermächtigung. Die Architektur eines Hauses, die Struktur eines Textes, das Muster auf einem Fell. Welche Form auch immer da ist, es zählt, dass sie existiert.«
»Ich wette, ein Zufallsgenerator hätte Ihnen eine andere Zahl gegeben.«
»Die Form ist eine Notwendigkeit, nicht an sich, sondern weil ohne sie nichts sein kann. Und, dass sie existiert, ist kein Zufall.«

Er drehte seinen Kopf und blickte er mich an. Zum ersten Mal. Dann erhob er sich und richtete sein Hemd.
»Aber was ist mit dem Wasser?«, versuchte ich ihn aufzuhalten. »Das Wasser begrenzt die Küstenlinie. Die Küste hat eine Zeit, einen bestimmten Zeitpunkt.«
»Mit der Zeit verschwindet der Zufall. Das Leben beginnt zu sein, was es ist.«
»Was meinen Sie?«
»Sie haben es selbst gesagt: Es ist alles eine Frage der Zeit, das ganze Leben. Ideen leben weiter, auch wenn die Existenz der Gruppe zerschlagen wird. Denken Sie an ihre Mafia. Die Idee, die Nostalgie, die ewig Gestrigen. Gestern ist einfacher als der morgige Tag, die Angst näher als der Mut!«
Langsam bewegte er sich rückwärts über die Straße.
»Warten sie!« Ich sprang auf, ein Auto hupte und schob sich von links zwischen den Mann und mich. Ich machte den Schritt zurück. Auf der anderen Straßenseite hob er seine Mütze.
»Und denken Sie an die Form!«, rief er mir zu.

Ich drehte mich um, nahm meine Tasche, stockte. Ich zerrte, es ging nicht weiter. Sie hing fest. Der Gurt der Tasche war an den Fuß der Bank gebunden. Ich setzte mich und versuchte ihn zu lösen. Als ich aufblickte war der Mann im Gewusel auf dem Platz verschwunden. Ich entdeckte ihn wieder, als er den Stieg zwischen Kirche und Apotheke betrat und sich über alle anderen erhob. Er drehte sich um. Sein Lachen wurde von der Menschenmenge verschluckt.
»Sì, Chiaro!«, antwortete ich leise.

Endlich hatte ich den Knoten gelöst, nahm meine Tasche, erhob mich und schaute auf das Bild. Seltsam diese Tradition, die Toten weiter zuschauen zu lassen bei unserem Schauspiel. Der Bart des alten Mannes auf dem Bild war lang geworden. Die tiefen Augen erstaunten mich, die unergründlichen Meere.